Basel, 19. September 2025

Neues Vertragspaket Schweiz-EU: ein hilfreicher Quantensprung?

Stabile Beziehungen zu Europa sind für die Schweiz kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Doch warum braucht es überhaupt ein neues Vertragspaket mit der EU? Und was bringt dieses Basel?

An einer öffentlichen Veranstaltung am Europainstitut der Universität Basel diskutierten Expert:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft genau diese Frage. Ihr Fazit: Ohne Anpassungen riskiert die Schweiz schleichend den Zugang zu ihrem wichtigsten Markt – mit Folgen für Wirtschaft, Forschung und unseren Alltag.

Susanne Gutzwiller, Chefin Sektion Recht und Verträge in der Abteilung Europa beim Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten, brachte es auf den Punkt: Die Welt wird unberechenbarer, und das EU-Recht entwickelt sich ständig weiter. Ohne neue Abkommen droht die Schweiz den Anschluss zu verlieren. Damit ist auch klar, dass der Status quo ohne Anpassungen der Verträge nicht stabil ist. Das neue Vertragspaket soll genau das verhindern: Es stabilisiert bestehende Abkommen und schafft Raum für Weiterentwicklung (siehe Grafik 👇).  Aktuell läuft die Vernehmlassung.

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Doch was bedeutet das konkret für die Region Basel?
In einer lebendigen Podiumsdiskussion diskutierten die Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft unter der Leitung der Europarechtsprofessorin Christa Tobler über die Bedeutung des neuen Vertragspakets für Basel.


Forschung: Ohne EU-Zusammenarbeit fehlen uns die Besten
Dominik Zumbühl, Quantenphysiker und Direktor am NCCR SPIN (Swiss National Program on Quantum Computing with Si and Ge spins) an der Universität Basel, verglich die EU-Forschungsprogramme mit der „Champions League“: Wer nicht dabei ist, verpasst nicht nur Geld, sondern auch den Zugang zu den besten Köpfen und Netzwerken. Der zeitweise Ausschluss aus Programmen wie Horizon Europe habe der Schweizer Forschung bereits geschadet. Forschung lebt vom Austausch, betonte Zumbühl. Ohne offene Grenzen und Kooperationen droht die Schweiz ins Abseits zu geraten.

Wirtschaft: Eine Milliarde Franken – jeden Tag
Gabriel Schweizer von der Handelskammer beider Basel illustrierte es deutlich: Die Schweiz handelt täglich Waren im Wert von einer Milliarde Franken mit der EU - das ist viermal mehr als mit den Vereinigten Staaten und zehnmal mehr als mit China. Und der Kanton Basel-Stadt alleine trägt einen Drittel dazu bei. Stabile Beziehungen mit Europa sind somit weit mehr als ein Nice-to-have, so Schweizer. Ohne den EU-Markt würden Arbeitsplätze, Wohlstand und Steuereinnahmen – und damit unsere Infrastruktur, Bildung und Gesundheit – auf dem Spiel stehen.

Grenzüberschreitender Alltag: Tramfahren ins Ausland, Fachkräfte vom Oberrhein
Sarah Wyss, Nationalrätin und Präsidentin der Europäischen Bewegung Schweiz Sektion Basel, erinnerte daran, dass die EU für Basel mehr ist als nur ein Wirtschaftspartner. „Wo sonst kann man mit dem Tram in zwei Länder fahren oder einen Museumspass für drei Staaten nutzen?“ Die offene Grenze prägt unseren Alltag – von der Gesundheitsversorgung bis zur Kultur. Ohne Fachkräfte aus dem Elsass und Baden würden viele Basler Spitäler nicht funktionieren.

Herausforderungen: Zuwanderung, Löhne und Fachkräfte
Natürlich gibt es auch kritische Stimmen zum neuen Vertragspaket. Die Personenfreizügigkeit etwa bringt Herausforderungen mit sich, z.B. auf dem Wohnungsmarkt oder im Verkehr. Doch die Podiumsteilnehmenden waren sich einig: Die Vorteile überwiegen - und die Herausforderungen können mit Investitionen und Anreizen politisch adressiert werden. Die Personenfreizügigkeit sei das effizienteste System zur Steuerung der Zuwanderung – besser als Kontingente oder das britische Modell nach dem Brexit. Wichtig sei, dass die Schweiz ihre Interessen wahren kann, etwa beim Lohnschutz. Durch den Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit am gleichen Ort“ ist ein wichtiger Schritt gegen Dumpinglöhne erfolgt. Diese sei nun mit innenpolitischen Massnahmen zu sichern. Dominik Zumbühl verwies auf den Fachkräftemangel in der Spitzenforschung, denn wir hätten einfach schlicht zu wenige Wissenschaftler:innen in der Schweiz. Projekte wie EUCOR, ein trinationaler Verbund von fünf Universitäten in der Oberrheinregion, zeigen das Potenzial der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

Demokratie und Souveränität: Verliert die Schweiz die Kontrolle?
Ein zentraler Streitpunkt in der Schweizer Europadebatte ist die Frage: Gibt die Schweiz mit dem neuen Paket zu viel Souveränität auf? Sarah Wyss entkräftete diese Bedenken: Die dynamische Rechtsübernahme funktioniere bereits in anderen Bereichen wie Schengen/Dublin, ohne die Schweizer Demokratie zu schwächen. Im Gegenteil: Mit dem neuen Mechanismus zur Streitbeilegung und dem „Decision-Shaping“ – einem Konsultationsverfahren, das der Schweiz mehr Mitspracherecht gibt – könne die Schweiz ihre Interessen sogar besser durchsetzen. Gabriel Schweizer verwies auf ein konkretes Beispiel: Als die EU die Waffenrichtlinie anpasste, berücksichtigte sie nach Schweizer Rückmeldungen sogar spezifische Anliegen unseres Landes.

To quantensprung or not to quantensprung?
Die Veranstaltung, organisiert von der Europäischen Bewegung Schweiz Sektion Basel, dem Europainstitut der Universität Basel, Regio Basiliensis, foraus, Operation Libero und der Gesellschaft zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, zeigte: Das neue Vertragspaket bietet der Region Basel konkrete Vorteile – wirtschaftlich, wissenschaftlich und gesellschaftlich.

Und ist das Paket nun ein „Quantensprung“, wie manche sagen? Dominik Zumbühl, der es wissen muss, lächelte: „In der Physik ist ein Quantensprung oft kleiner, als man denkt. Aber er ist entscheidend.“ Für Basel und die Schweiz könnten dieser Schritt genau das sein: ein kleiner, aber wichtiger Sprung in eine stabilere Zukunft mit Europa.

Wer ist die Europäische Bewegung Schweiz Sektion Basel?

Die Europäische Bewegung Schweiz Sektion Basel ist ein parteipolitisch und konfessionell unabhängiger Verein mit über 200 Mitgliedern in unserer Region. Als Nordwestschweizer Sektion der Europäischen Bewegung Schweiz setzt sie sich im Dreiländereck für eine nachhaltige und offene Europapolitik der Schweiz ein. In der Region unterhält sie freundschaftliche Beziehungen zu den Schwesterorganisationen im Elsass und in Südbaden.

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